1968 hat Günter Amendt nach den Schüssen auf Rudi Dutschke in Frankfurt eine Aktion gegen die Auslieferung der „Bild-Zeitung“ organisiert. Er ist dafür als Rädelsführer zu 100.000 Mark Geldstrafe verurteilt worden (die durch Spenden reichlich hereingekommen sein sollen). Ein Polizist, der ihn erkannte, rief: „Ah, der Apo-General!“ Damals wurde, wenn das Geschwätz eine Pause machte, manchmal noch nachgedacht. Dann kamen Erkenntnisse zustande wie „Das Private ist politisch“.

Der Satz ist auch eine Nachricht über Günter Amendts Tod. Das private Unglück hat politische Folgen. Eine davon ist die hektische Aneignung dessen, der sich nicht mehr wehren kann, durch einen Betrieb, der ihn zeitlebens boykottiert und totgeschwiegen hat, so gut er konnte. Jetzt lese ich: „Amendt, der berühmte Soziologe“.

Ich sollte hier ein Porträt des politischen Amendt zeichnen. Das kann ich nicht, nicht hier und heute und in einer Viertelstunde. Das bleibt Dissertationen, einem Essay oder der Einleitung zu seinen gesammelten Schriften vorbehalten. Was ich versuchen werde, ist ein Kaleidoskop von Zitaten und Erinnerungen, die Sie sich zu einem Bild zurechtschütteln können. Ein kleines Günter Amendt-Alphabet. Es beginnt mit:


A wie Adorno. Bei Adorno hat Amendt studiert. Dreißig Jahre danach schreibt der Schüler über sein Verhältnis zu diesem Lehrer damals und später, daß die Beziehung zwischen den Protagonisten der Studentenbewegung und den verehrten aber auch idealisierten Lehrern des Frankfurter Instituts für Sozialforschung auf einem Mißverständnis beruhte. Adorno und Horkheimer verfolgten ihre eigene Agenda. Ihre Distanz zu dem, was auf den Straßen geschah und in den Hörsälen sich abspielte, war größer, als die studentischen Aktivisten wahrhaben konnten und wahrhaben wollten.  

Als die Protestbewegung in ihre militante Phase eintrat und Horkheimer sich in die Salons des Frankfurter Bürgertums zurückzog, war es Adorno, der die Auseinandersetzung mit den rebellischen Studenten und Studentinnen austrug: „Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der Letzte zu unterschätzen, sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen. Aber es ist ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch beiwohnt.“

1968 hätte oder hat Amendt heftig widersprochen. 1998 schreibt er: „Kein Widerspruch von meiner Seite.“ Durch eine gerade erschienene Dokumentensammlung fühlt Günter sich jetzt noch einmal mit voller Wucht auf die „schäbigen und beschämenden Aktionen“ gestoßen, die diese Auseinandersetzungen begleiteten. Schäbig und beschämend deshalb, weil wir, mehr als uns bewußt war, an den Verdrängungsmechanismen unserer Eltern teilhatten. Hätten wir verstanden, was es für einen nach Deutschland zurückgekehrten jüdischen Emigranten bedeuten muß, von deutschen Studenten unter Druck gesetzt zu werden, und sei es nur symbolisch, dann hätten wir die politisch wohl unvermeidliche Auseinandersetzung mit Adorno so nicht führen können und so nicht führen dürfen. 


B wie Berufsverbot. In der „Süddeutschen“ lese ich:

„Die akademische Karriere hatte Günter Amendt sich mit der Sexfront und mit anderen Veröffentlichungen freilich verdorben. Mit seinen Freunden und Mitstreitern Volkmar Sigusch, Martin Dannecker und Reimut Reiche kämpfte der im Übrigen bekennende Homosexuelle

der im Übrigen bekennende Homosexuelle – was für ein Scheißberuf, der Journalismus!

damals vergeblich um die Einrichtung und Besetzung eines Lehrstuhls für die Soziologie der Sexualität in Hamburg.“

Zweimal stand Günter auf Platz eins von Berufungslisten. Zweimal wurde er aus politischen Gründen nicht berufen. Die letzte Erfahrung in dieser Richtung war sein Versuch, zum Hamburger Institut für Sozialforschung Kontakt aufzunehmen. Er scheiterte, weil der Institutschef, der damals noch Trotzkis Stellvertreter auf Erden gab, sein Idol an diesem Jossif Wissarionowitsch Amendt rächen mußte.

Daß ihm eine Uni-Karriere versperrt blieb, damit hat Günter lange gehadert: wegen des erzwungenen Verzichts auf akademische Reputation, auch auf materielle Sicherheit. Und hat erst peu à peu entdeckt, daß er, auch weil er sein Ansehen und Auskommen umsichtig zu organisieren verstand, außerhalb des Unibetriebs glücklicher, freier, besser leben konnte.


C wie Chaoten. So und ähnlich nannten deutsche Journalisten in ihrer intellektuellen Bedürftigkeit die RAF und ihre Sympathisanten. Im November 1977, mitten im Deutschen Herbst, schreibt Günter zusammen mit Hartmut Schulze die KONKRET-Titelgeschichte „Der Bürger-Kinder-Krieg“ :

„Fast ohne Ausnahme stammen alle inhaftierten oder gesuchten terroristischen Gewalttäter aus bürgerlichen und großbürgerlichen Familien. Fast alle haben eine akademische Ausbildung oder einen akademischen Beruf. Eine der wenigen Ausnahmen: die Friseuse Petra Schelm. Sie wurde 1971 von Polizisten erschossen.
Laut Bundesjustizministerium wurden in den letzten zehn Jahren 22 Menschen durch terroristische Gewalttaten getötet. Ziemlich genau eintausendmal so viel wurden im gleichen Zeitraum durch „normale“ Gewalttaten getötet. Nicht ein einziger dieser Morde ist entschuldbar, bei ihrer Beschreibung versagen die Adjektive: brutal, kaltblütig – jedes klingt hilflos und unangemessen. Aber das Recht, die Hintergründe zu erklären, nehmen wir uns, noch.“


D wie Doris. Amendt war jeder Ausforschung feind, ob sie sich nun Demoskopie, Feldforschung oder Volksbefragung nannte. Der Ort, an dem er als Wissenschaftler Theorie überprüfte, war der Kopf. Der eigene oder der kluger Freunde. An die Spitze seines privaten Instituts für Sozialforschung hatte er seine Schwester berufen. Doris hat gesagt, meine Schwester erzählt. Roma locuta causa finita. Doris hat gesprochen, die Frage ist entschieden.


E wie Emanzipation. 1980 war Günter Amendt der erste Mann, der in der Zeitschrift „Emma“ auftreten durfte, als Sexualwissenschaftler im Gespräch mit Alice Schwarzer zum Thema Pädophilie. Als Amendt acht Jahre später sich Schwarzers Kampagne gegen Pornographie nicht anschließen wollte und sie in einem Streit im Fernsehen schlecht aussehen ließ, schlug die Frauenführerin zurück: „Nun muß man wissen, daß die Begriffe ‚Therapeut’ und ‚Sexualforscher’ nicht geschützt sind. Der Journalist und Soziologe Günter Amendt zum Beispiel präsentiert sich, nur weil er vor Jahren zwei Bücher über Jugendsex veröffentlicht hat, im Fernsehen auch gerne als ‚Sexualwissenschaftler’.“

So macht man sich beliebt im Land.


F wie Fahrrad. Als die neuen sozialen Bewegungen zweimal am Tag das Rad neu erfanden, gingen fünf Hamburger ihrer Liebe zu einem in diesem Milieu wegen Technizität ungern gesehenen Gerät nach: dem Rennrad. Horst Tomayer, Christoph Krämer, Dietmar Mues, Günter Amendt und ich. Zwei Mitglieder der DKP, eines der SPD, drei Kriegsdienstverweigerer, zwei Kriegsdienstflüchtlinge, alle fünf auf Rennrahmen der Turiner Schmiede Fratelli Gios. Da fuhr – selten genug, freilich – zusammen, was zusammengehörte.


G wie Grie Sooß.
Ich hab einmal Grien Sooß geschrieben und mir dafür einen Rüffel zugezogen. Frankfurt war Amendt nicht ganz und gar heilig. Aber ein bißchen doch. An der Stadt des Hibdebach und Dribdebach, diesseits und jenseits des Mains, las er gern manche soziologische Hypothese ab oder überprüfte sie. Er hatte dem Milieu der Joschas und Joschkas, der Thomas Schmids und Cohn-Bendits mit Entschiedenheit den Rücken gekehrt und legte noch dreißig Jahre danach doch Wert auf die Feststellung.

„Im Medienrückblick wurde der Eindruck erweckt, Westberlin sei unbestritten das Zentrum der bundesdeutschen Protestbewegung gewesen. In Berlin mag auf den Straßen mehr los gewesen sein; dafür war in Frankfurt mehr los in den Köpfen.“

Außerdem spielte im Waldstadion der Andi Möller, ein – Zitat Günter – „echter Frankfurter Bub“. Den Kicker aus kleinen Verhältnisssen zog es später in den Süden, „nach Rom oder Madrid, Hauptsache Italien“.


H wie Hessen-Kolleg.
Amendts journalistischer Nachrufer in der Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt:

„Im Frühjahr 1967 traf ich im Frankfurter Club Voltaire Günter Amendt zum ersten Mal. Er war ein Star im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, er stand zugleich in der Szene introvertierter Adornostudenten im Verdacht, ein Revolutionsdandy zu sein. So kam es dem Schüler aus Göttingen jedenfalls vor, der am Wochenende nach Frankfurt trampte, um Revolutionsluft zu atmen. Amendt wirkte großbürgerlich. Dazu paßt es nicht, daß der 1939 Geborene sein Abitur auf dem Hessenkolleg nachgeholt hatte.“

Man mußte schon sehr aus dem tiefsten Göttingen kommen, um die Bezeichnungen „großbürgerlich“ und „Dandy“ mit Günter Amendt zu assoziieren. Gut, er konnte bei Cuneo Steak mit Gorgonzolasauce und grünem Pfeffer mit der Miene eines Gourmets bestellen, die ihren eigenen Charme hatte.

Richtig immerhin ist, daß der Absolvent des Zweiten Bildungswegs nicht übersah, daß das deutsche Proletariat überwiegend aus verhinderten Kleinbürgern bestand und Zeichen zivilisatorischen Fortschritts sich gemeinerweise eher im Großbürgertum – wenn auch nicht gerade im deutschen – finden ließen. (Eine Erkenntnis, nebenbei, die schon Marx nicht fremd war.) Wenn es dann auch noch ein paar gebildete, liberale, nicht mit Faschismus liebäugelnde Bourgeois waren, wie etwa im Mailand der Feltrinellis oder im Zürich jüdischer Exilanten, war er ganz einfach: bezaubert. Und genoß in vollen Zügen den Respekt und die Freundlichkeit, mit denen sie – sehr im Gegensatz zu den Spitzen und Spitzeln der deutschen Gesellschaft – ihm begegneten.

Der Chronist der „Zeit“, der, weil er früher für KONKRET geschrieben hat und heute auch gern für Springer schreibt, weil er doch Geld verdienen muß, Beispiele für andere Entscheidungen nicht brauchen kann, fügt schnell hinzu: „Amendt lebte mit kargem Auskommen im früheren Arbeiterteil des Stadtteils in der Thälmanngegend, jenseits der Boutiquen, an denen er aber gern entlang flanierte.“

So bleibt beim Tod des freien Autors wenigstens die Welt des unfreien Chronisten in Ordnung.


I wie Italien.
Große Events: von Carlo in die Scala eingeladen zu sein oder zu einem Turn um die Äolischen Inseln. Ein etwas kleineres Event am 11. Juli 1982. Fußball-WM in Spanien, Endspiel Italien gegen Deutschland. Günter und ich zu zweit bei mir vorm Fernseher. Jubel über die Tore von Paolo Rossi, Tardelli und Altobelli – bei offenen Fenstern, damit der schwarzrotgold beflaggten Nachbarschaft unsere vaterlandsfeindlichen Sympathien nicht entgingen. Danach mit dem Auto in die Stadt, uns am Jubel der Gastarbeiter zu freuen und bei Paolino zu zechen. Wenn es Fitzelchen richtigen Lebens im falschen gibt: Italien war eins. Für Günter. Nicht für mich. Ich liebe Hamburg, wegen des Wetters.

Email-Wechsel vom 20. Juli 2006: „Lieber Hermann, hochsommerlich gelaunt grüße ich Dich“ – „Danke, lieber Günter. Wissend, daß Deine hochsommerliche Laune nicht (wie in meinem Fall, I hate heat) eine Depression ist, grüßt herzlich ...“


J wie Journaille.
Wie alle anderen hat auch ein „TAZ“-Redakteur, der „Spiegel“ beliefert, herausgekriegt, daß Günter Amendt in Berkeley studiert hat und diese News mit original eigenen Adjektiven garniert: „Amendt hörte Adorno und Horkheimer und studierte zwei Jahre, von 1964 bis 1966, in der rebellisch aufgewühlten University of California in Berkeley.“

Die Meldung ist dreizehn Jahre alt, in der „FAZ“ in die Welt gesetzt hat sie der unsägliche Peter Schütt: „Der Frankfurter Politologe Günter Amendt, später einer der Wortführer der sexuellen Befreiung, studierte zwischen 1964 und 1966 in Berkeley.“ Ich habe darauf nach Absprache mit Günter geantwortet: „Abgesehen davon, daß Amendt nicht Politologe ist sondern Soziologe, nie in Berkeley war und auch an keiner anderen Universität der USA jemals studiert hat, stimmt jedes Wort.“

Was das politische Feuilleton noch unternommen hat, auf dem Kopf des Toten Locken zu drehen, werdet Ihr noch lesen können.


K wie KONKRET.
Das Foto zeigt die Autorenkonferenz der Zeitschrift im Dezember 1976 in der Großen Reichenstraße. Von Günter sieht man nur die Haare und die sprechende rechte Hand, den anderen sieht man an, daß sie zuhören: besonders grimmig der Dritte von links, rechts neben Christoph Krämer: Rudi Dutschke. Der war auf dem langen Weg zu den Grünen und wollte KONKRET dorthin mitnehmen. Amendt wollte, daß das nicht geschieht. Wie ich entschieden habe, ist nicht geheim geblieben. Günter hat in jenem Jahr seinen ersten von 130 Beiträgen für KONKRET verfaßt.


L wie Legende.
Gestern schreibt mir Michael Scharang aus Wien:

„Vor 35 Jahren. Günter Amendt ruft an. Es ist Samstag, Amendt ist in Wien, hat irgendwas mit Belafonte zu tun, wohnt im Hilton, kann nicht schlafen, das Bettzeug ist aus Kunststoff, elektrisch aufgeladen, wenn er sich im Bett bewegt, spritzen die Funken. Gut, sage ich, ich komme, bringe ordentliches Bettzeug. Wir überziehen das Bett, alles in Ordnung, ich überrede ihn, zu mir nach Haus zu kommen zum Abendessen, wir sind fünf starke Esser, es muß ohnedies immer für zehn gekocht werden, es gibt genug für ihn, es schmeckt ihm, wir trinken, er beginnt zu erzählen, und er erzählt und erzählt, wir fünf sitzen da mit offenen Mündern und großen Augen. Meine Kinder haben endlich ein Idol. Um drei bringe ich ihn ins Hotel. Am Dienstag hole ich von der Rezeption das Bettzeug. Vor einer Woche ruft mich Elisabeth aus Süditalien an. Sie heult und sagt mir, daß Günter Amendt tot ist. Sie wagt es nicht, das ihrer Schwester zu sagen. Ich wage es auch nicht.“ 


M wie Mescalero.
Es ist 1978, ein Göttinger Mescalero, wie er sich nennt, veröffentlicht einen Nachruf auf den ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback, einen alten Nazi übrigens, auch wenn es verboten ist, das zu sagen. Mescalero äußert seine „klammheimliche Freude“ über die Tat. Stefan Aust, damals beim NDR und Autor von KONKRET vermittelt ein Gespräch mit dem gesuchten Täter in der Redaktion. Teilnehmer: Mescalero, zwei Begleiter, Aust, Hartmut Schulze, Günter Amendt, ich. Im Heft darauf resümiert Amendt:

„Ein Blick in die französische Philosophie-Geschichte macht schnell deutlich, wie altbacken, wie wenig originell das ist, was uns Mescalero da auftischt. Dennoch wird uns diese Diskussion in den nächsten Jahren beschäftigen. Weil sie so exakt der Klassenlage derer entspricht, die als Ersatz für nicht stattfindende Praxis ständig auf der Suche nach ‚neuen’ Theorien sind. Mescalero ist mindestens so nett wie Glotz – aber welcher Zynismus, zu einer Zeit, da Zigtausende von Jugendlichen für das Recht auf Arbeit und Ausbildung demonstrieren, einen Tunix-Kongreß von Jung-Tuis zu veranstalten.“ 

Der Tunix-Behauptung „Wir wollen alles und das sofort“ antwortet Amendt: „Sie wollen nichts. Und das nie.“ Wie recht er bekommen hat, läßt sich an der Geschichte der Tageszeitung ablesen, deren Gründung auf dem Tunix-Kongreß beschlossen wurde.


N wie Nomenklatura.
Einem für irgendwas auch nur ein bißchen Begabten fällt es schwerer, den Preisen und Orden dieser Gesellschaft zu entrinnen als welche zu erwerben. Manche lehnen solche Ehrungen immerhin ab. Nur sehr wenige schaffen es, ein Leben zu leben, das keinem Büttel den Einfall erlaubt, sich mit einem Verdienstkreuz zu nähern. Zu ihnen gehörte Günter Amendt.  


O wie Ordnung.
Günter war einer der ordentlichsten, pünktlichsten, zuverlässigsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Sekundärtugenden, wird man sagen, und erinnert sich an die Worte Oskar Lafontaines 1982: „Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“ Was Lafontaines Verbalradikalismus verschweigt: daß Sekundärtugenden, wenn sie in den Dienst humaner Primärtugenden gestellt werden, manchen Puff abhalten im Gedränge, wie Goethe sagt. 


P wie Prostitution.
1988, die Parole heißt Glasnost, schreibt Amendt einen Offenen Brief an die Redaktion der Zeitschrift „Sowjetunion heute“:

„Werte Genossen, werte Genossinnen, das Titelblatt Ihrer Oktoberausgabe und der dazugehörige Artikel ‚Moskaus schöne Mascha’ veranlassen mich, Ihnen zu schreiben. Offensichtlich ist es die Absicht Ihrer Redaktion, den Wettbewerb weiblicher Schönheiten um die Krone der ‚Miss Moskau’ als ein Zeichen der Öffnung und eine Errungenschaft der Umgestaltung vorzuführen. Das Foto der auf einen posierenden weiblichen Körper gerichteten Kameraobjektive, mit dem Sie Ihren Artikel ‚Moskaus schöne Mascha’ illustrieren, ist eines der widerwärtigsten Bilddokumente der Sowjetunion heute im Zeichen der Umgestaltung. Die Ausstellung menschlicher Körper zum Zwecke der Prämierung und die öffentliche Normierung eines Schönheitsideals ist Ausdruck einer Menschenverachtung, wie sie bisher nur im Kapitalismus üblich war. Diese Vorform der Prostitution und Variante des internationalen Frauenhandels ist immer angewiesen auf neue Modelle, in dieser miesesten und niedrigsten Form der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie ist junges exotisches Frischfleisch, wie es im Jargon des Gewerbes heißt, immer willkommen. 
Mit solidarischem Gruß ...“


Q wie Quatsch.
Amendt über den Satz „Lesbierinnen sind Frauen, die sich entschieden haben, Frauen zu lieben“, ein Zitat aus der US-amerikanischen Feministinnen-Literatur:

„Welch elitärer Quatsch! Lesbierinnen sind Frauen, die homosexuell sind. Sie sind homosexuell, weil sie homosexuell sein müssen. Und wenn sie was kapiert haben von ihrer Lage, dann wollen sie auch homosexuell sein. So ist das. Es gibt da keine freie Wahl nach dem Motto: Was hätten gnädige Frau denn heute gern?“


R wie RAF.
Amendt mitten im Deutschen Herbst:

„Rebellion ist eine politische Haltung. Michael Kohlhaas hat sich politisch verhalten. Alle Rebellen verhalten sich politisch. Ich kritisiere, daß politische Theorie und politische Praxis auf Haltungen reduziert werden. Die Haltung des Rebellen ist vorpolitisch und naiv. Zwischen Rebellion und Revolution liegt die Theorie des dialektischen und historischen Materialismus. Es ist keineswegs ein automatischer Weg vom Rebellen zum Revolutionär. Dazwischen liegen die ‚Mühen der Ebene’, die Anstrengungen, sich die revolutionäre Theorie anzueignen. Revolutionäre Theorie aneignen heißt, die individualistische Wahrnehmung der Realität aufzugeben zugunsten einer kollektiven Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität vom Standpunkt der Arbeiterklasse.“


S wie Sex'n'Drugs'n'Rock'n'Roll.
Der Liedtext von Ian Dury aus dem Jahr 1977 wäre ein schöner Titel über den Gesammelten Schriften von Günter Amendt.


T wie Tragik.
Das Substantiv „Tragik“ kommt bei Amendt gar nicht vor, das Adjektiv „tragisch“ nur einmal, an einem Ort, wo es hingehört, und nicht bloß – wie im Leitartikel – irgendwelche drittklassigen Kalamitäten bezeichnet:

„Wem eigentlich nützt diese Pädophilen-Propaganda, die von Szene-Blättern in Gang gebracht wird? Am wenigsten den Pädophilen selbst. Am wenigsten jenen Pädophilen, die zwanghaft und unausweichlich ihre Sexualobjekte unter Kindern suchen müssen. Ihre Lage ist tragisch, weil Pädophilie für sie psychisch die Lösung eines schweren Konflikts darstellt, der oft weit in die Kindheit zurückreicht. Tragisch, weil die alternative ‚Lösung’ oft Suizid oder Psychose ist. Tragisch, weil ihre Lösung gesellschaftlich nicht akzeptierbar ist, weil sie auf Ausbeutung und Unterdrückung zwangsläufig beruht. Weil sie Opfer zwingt, neue Opfer zu schaffen.“  


U wie Unser Staat.
In einem von KONKRET veranstalteten Streitgespräch an der Hamburger Uni 1985 u.a. mit Otto Schily und Thomas Ebermann, Titel „Ist dieser Staat unser Staat?“, sagt Amendt:

„Im übrigen beantwortet sich die Frage, ob dieser Staat der unsere ist, relativ einfach und fast von selbst, wenn man sie etwas weniger geschwollen formuliert: Gehört dieser Staat uns? Da gibt der Blick ins Grundbuch, in die Bilanzen von Banken, Versicherungen und transnationalen Konzernen die einfachste Antwort.
Aber die Frage: Ist dieser Staat unser Staat? hat natürlich auch eine emotionale Bedeutung – das heizt das Thema ja so auf. Die Frage zielt auf Identifikation. Die Formel: Dieser unser Staat ist alles andere als eine politische Leerformel, sondern mit ihr wird Identifikation erwünscht, gefordert und abverlangt. Wer sich weigert, wird denunziert und ausgegrenzt.  
Ich hatte Gelegenheit, eine Gruppe Schweizer Ethnologen in Mexiko dabei zu beobachten, wie sie versuchten, mexikanischen Bauern zu erklären, auf welchen Prinzipien ihr Staat beruhe, der männlichen Staatsbürgern den Karabiner mit nach Hause gibt, ohne befürchten zu müssen, daß dieser gegen den Staat gerichtet wird. Ich kann versichern, daß es den Schweizern nicht gelungen ist, das mexikanischen Bauern klarzumachen.“  

Ich halte für möglich, daß die „Gruppe Schweizer Ethnologen“ ein Synonym war für nur einen Schweizer Ethnologen: Andreas Loebell.


V wie Victory.
Amendt über Bob Dylan:

„Man muß den Jesus, von dem Dylan jetzt (wieder) spricht, in der Nachbarschaft von Ghandi und King sehen. Da macht er sich gut, einfach als Typ. Ein kluger, etwas ausgefreakter jüdischer Bengel mit einer phantastischen Story und einer akzeptablen message. A hero. Helden sind ein Dylan-Thema. Schon immer gewesen. Doch kämpfen seine Helden auf Schlachtfeldern ‚where every victory hurts’.“


W wie Widerspruch.
Der vielleicht von A bis U vermittelte Eindruck, daß Amendt immer recht gehabt habe, ist falsch. 1988, in wiederum einem Streitgespräch, hatte ich unterstellt, Gorbatschow wolle den Kampf gegen den Kapitalismus aufgeben. Darauf Günter:

„Das ist wirklich der Punkt, wo wir beide großen Dissens haben. Diese ganze Perestroika- und Glasnost-Entwicklung ist für mich die Rückgewinnung der Dialektik, und ich finde, du argumentierst undialektisch. Gorbatschow ist Marxist, und ich kann mir nicht vorstellen, daß hier nicht auch bei dieser Außenpolitik eine marxistische Analyse zugrunde liegt, die natürlich darauf spekuliert, daß die Erstarrung in den imperialistischen Ländern durch diese neue sowjetische Außenpolitik aufgebrochen wird.“

Vor wenigen Wochen wurde Gorbatschow, inzwischen Model für die Kofferwerbung von Louis Vuitton, mit dem von Zar Peter dem Großen gestifteten Orden des Heiligen Andreas des Erstberufenen ausgezeichnet.


X wie X-Beliebigkeit.
Wie heißt das Gefühl, mit dem Amendt der Scheißegalité und geradezu programmatischen Charakterlosigkeit der spontaneistisch-alternativ-karrieristischen Szene begegnete? Ich würde es Haß nennen.


Y wie Ypsilanti.
Günter könnte Sympathien für sie und ihren Versuch einer Koalition der SPD mit der Linkspartei in Hessen gehabt haben. In Shakespeares Sturm sagt der Narr Trinculo, in der Übersetzung von Wieland: „Die Noth kan einen Menschen mit seltsamen Bettgesellen bekannt machen.“ Über Ypsilanti könnte Günter gedacht haben, was Karl Valentin sagt, als ihn Lisl Karlstadt anmacht, daß er eine Brille ohne Gläser trägt: „Besser als gar nix is es.“


Z wie Zone.
Wie hat Amendt auf die DDR gehofft, wie hat er unter ihr gelitten. Wenn er hoffte, hat er für Udo Lindenbergs Wunsch, in der DDR aufzutreten, beim Zentralrat der FDJ antichambriert. Oder versucht, Lindenberg aus seinem Sonderzug zur Wiedervereinigung zu holen. Wenn er litt, hat er – in zehn Beiträgen in zehn Jahren – den in Berlin forschenden und die DDR in aller Welt als wissenschaftliche Spitzenkraft vertretenden Endokrinologen Günter Dörner bekämpft. Amendt schloß sich dem Urteil der „Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung“ an, Dörners Position spiele „ganz offen mit der Möglichkeit einer endokrinologischen Euthanasie der Homosexualität“.

Die DDR hat nicht nur in dieser Sache nicht auf ihren Genossen Amendt gehört, und so geschah ihr schließlich ganz recht. Nach ihrem Anschluß an die BRD wurde Günter Dörner Mitglied einer Expertengruppe des Wissenschaftsrates für die Neustrukturierung der ostdeutschen Universitäten und Mitglied in Struktur- und Berufungskommissionen der Charité. Und natürlich wurde dieser Sexualforscher vom Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland dekoriert. Ehre wem Ehre gebührt.

Ein letztes Wort, von einem längst verstorben Freund. In „Die Tage in L." schrieb Ronald Schernikau:

„es war einmal vor langer langer zeit, da ging ich mit günter amendt ein bügeleisen kaufen. wir betraten in der aufgeräumtesten stimmung das hamburger geschäft tausend töpfe und ließen uns die ungefähr fünfunddreißig verschiedenen bügeleisen vorführen, eine galerie. nach einem längeren schweigen straffte günter amendt seine schultern und fragte die mehr als gelangweilt kuckende verkäuferin: wo liegen denn die unterschiede zwischen diesen fünfunddreißig bügeleisen? daraufhin zeigte die verkäuferin ebenso gelangweilt wie bisher auf eines in der langen reihe und sagte: dies ist aus der zone. woraufhin günter amendt freudig rief: na, dann nehmen wir das doch!“